Nicht unnötig verunsichern lassen

Information zur Behandlung des Blasenschmerzes mit PPS

Bonn, 29.10.19 Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Wirkstoff Natrium-Pentosanpolysulfat (PPS) und einer Pigmentären Makulopathie? Einer dpa-Meldung vom 16. Oktober 2019 zufolge wurden im Rahmen einer rückwirkenden Sichtung von Patientendaten an einem US-amerikanischen medizinischen Zentrum bei 22 Patienten auffällige Veränderungen an der Netzhaut in Form einer so genannten Pigmentären Makulopathie festgestellt. Alle Patienten hatten durchschnittlich über 15 Jahre den Wirkstoff Natrium-Pentosanpolysulfat eingenommen. Das Medikament wird in den USA seit mehr als 20 Jahren zur Behandlung des chronischen Blasenschmerzes bei Interstitieller Zystitis (IC) eingesetzt.

Um es vorwegzunehmen: Derzeit gibt es keine Belege für einen ursächlichen Zusammenhang. Ebenso könnte es sich um ein zufälliges Aufeinandertreffen zweier voneinander unabhängiger Erkrankungen handeln.

·         Anlass für die Durchsicht der Patientenakten am Kaiser Permanente Oakland Medical Center war die Veröffentlichung des US-amerikanischen Emory-Augenzentrums im letzten Jahr. Dort waren sechs Patienten mit einer Pigmentären Makulopathie aufgefallen, die gleichzeitig aufgrund einer Interstitiellen Zystitis seit mehr als 15 Jahren mit PPS behandelt wurden. Die Dosierungen lagen bei den meisten Patienten mit 400mg/Tag über den in Deutschland zugelassenen 300mg/Tag.

·         Die Autoren der Veröffentlichung räumen selbst ein, dass unklar ist, ob die genannten Fälle mit der Einnahme von PPS in Verbindung gebracht werden können, es voreilig wäre, einen kausalen Zusammenhang zwischen PPS und den beobachteten Makulopathie-Fällen herzustellen, als Erklärung für die Makulopathie auch die Interstitielle Zystitis selbst infrage kommen könnte, unabhängig von der Behandlungsform.

·         In der Veröffentlichung wird nicht erwähnt, ob bzw. wie ausgeschlossen wurde, dass bei den betroffenen Patienten nicht schon vor Einnahme von PPS Veränderungen an der Makula vorhanden waren, ob die fortgeschrittenen Veränderungen an der Makula möglicherweise auf eine bereits bestehende altersbedingte Makuladegeneration zurückzuführen sind.

Aufgrund der dünnen Datenlage und fehlender Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den beiden Krankheitsbildern rät der BGV e.V. von voreiligen Konsequenzen bei der Behandlung des chronischen Blasenschmerzes ab. Insbesondere ein prophylaktisches Absetzen von PPS ohne Anhaltspunkte für eine Augenerkrankung kann der Verband nicht befürworten. Vielmehr schließt sich der BGV der Empfehlung der deutschen Arzneimittelbehörden an, bei langfristiger Einnahme von PPS regelmäßig eine augenärztliche Untersuchung der Netzhaut in Anspruch zu nehmen. Für Patienten, die eine Behandlung mit PPS erstmals beginnen, empfiehlt sich zunächst eine augenärztliche Untersuchung, um eventuelle, bereits bestehende Makulaveränderungen aufzudecken.

Natrium-Pentosanpolysulfat (PPS) wird seit 1996 in den USA zur Behandlung des Beckenschmerzes bzw. chronischer Blasenschmerzen aufgrund einer Interstitiellen Zystitis eingesetzt. Seit 2017 ist der Wirkstoff zur innerlichen Therapie der Erkrankung auch in der EU zugelassen. Die Einnahme von PPS ist die bislang einzige zugelassene Behandlungsoption zur langfristigen, gezielten Therapie der Interstitiellen Zystitis. Der Wirkstoff baut die geschädigte innere Blasenwand sukzessive und langanhaltend wieder auf. Ein vorschnelles Absetzen des Wirkstoffs könnte den bis dahin erzielten Therapieerfolg zunichtemachen. Die Folge wäre eine Verschlimmerung der Blasenschmerzen, des Beckenschmerzes und der schwerwiegenden Drangsymptomatik, die die Lebensqualität der betroffenen Patienten erheblich einschränken und auf Dauer zur Berufsunfähigkeit führen können.

Die Pigmentäre Makulopathie ist sehr selten, hat aber ähnliche Symptome wie die altersbedingte Makuladegeneration, die mit etwa 4,6 Millionen Betroffenen in Deutschland ungleich häufiger vorkommt. Eine weitere Form der Makulaveränderung ist die Diabetische Makulopathie, die auf eine schlechte Durchblutung des Gewebes infolge eines dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegels zurückgeht. Nur eine fachärztliche Untersuchung der Netzhaut kann klären, um welche Form der Makulopathie es sich handelt. Die Makula lutea, auch als Gelber Fleck bezeichnet, ist der Bereich des schärfsten Sehens in der Netzhaut des Auges. Eine krankhafte Veränderung kann zu erheblichen Einschränkungen des scharfen Sehens und im schlimmsten Fall zur Erblindung führen.

Wird eine Pigmentäre Makulopathie frühzeitig erkannt, besteht die Möglichkeit, ein weiteres Fortschreiten zu verhindern. Ein eventuelles Absetzen von PPS sollte nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung gemeinsam mit den behandelnden Ärzten erfolgen.

 

Quellen:

Pearce et al, Pigmentary Maculopathy Associated with Chronic Exposure to Pentosan Polysulfate Sodium, Ophthalmology Volume 125, Number 11, November 2018, https://doi.org/10.1016/j.ophtha.2018.04.026

Foote et al., Chronic exposure to pentosane polysulfate sodium associated with pigmentary retinal toxicity, Urology Volume 38, Issue Supplement SI, Februar 2019